Mit Lederhose und Laptop

oder

Was man über uns Bayern wissen sollte !

"Oh Gott! Wieder ein bayerischer Patriot der mit einem Ausspruch seines Ministerpräsidenten politisieren will." Keineswegs! Natürlich wurde »Lederhose und Laptop« von einem bayerischen Politiker - genaugenommen Edmund Stoiber - ausgesprochen. Allerdings drückte er damit wohl weniger etwas Parteipolitisches aus, als mehr etwas, dass das Selbstverständniss des Volkes am Rande der Alpen - über alle Parteigrenzen hinweg - beschreibt. Etwas, das ich als "the bavarian way of thinking" bezeichne und Euch auf dieser Seite etwas näher bringen möchte.

Man beschreibt uns Bayern gerne als traditionsbewusst, gastfreundlich, patriotisch, fleissig, gläubig und ordentlich. Wir sind direkt und gerade heraus, bodenständig und zuverlässig. Wir Bayern sind wie Sushi: einmal probiert, lehnt es man ab oder wird süchtig danach. Wir werden gehasst und geliebt; bemitleidet und beneidet. Wir wissen nie, ob wir gerade aus- oder angelacht werden. Selbstbewusst setzen wir Letzteres voraus und belächeln selbst die Anderen. Gleichzeitig haben wir den Blick vorwärts in die Zukunft gerichtet, sind weltoffen und Neuem aufgeschlossen. Wo nötig und sinnvoll werden alte Zöpfe abgeschnitten, ohne unsere Traditionen zu verleugnen. Bei uns geht das Leben nicht nach dem Motto "entweder-oder", sondern vielmehr nach der Losung "sowohl-als-auch". Lederhose und Laptop kann nur verstehen, wer hier geboren ist oder sich mit unserer Geschichte befasst.

Wer oder was ist dieses Volk, dessen Dialekt schon ein Widerspruch an sich - die Sprache germanisch und die Grammatik romanisch - zu sein scheint? Immerhin haben sich die "Baiwaren" in ihren Eigenarten derart von den Schwaben unterschieden, dass sie im Jahre 551 erstmals urkundlich erwähnt wurden. Ansonsten schweigen sich die Quellen über ihre Herkunft aus. Lediglich der Name deutet vielleicht auf die "Leute aus Baiaheim" (=Böhmen) hin. Zwar wurden die keltischen "Boier" um Christi Geburt von den Markomannen überrannt, aber möglicherweise vermischten sich Reste mit ihnen und traten später als Überlebende des Hunnensturms Ende des 2. Jh. als "Baiwarii" wieder in die Geschichte ein.

Diese frühen Bayern vermischten sich im dünnbesiedelten Raum des Voralpenlandes mit der ansässigen keltisch-romanischen Bevölkerung, was wohl die Ursprünge für unseren Dialekt und unseren fast schon mediterranen Lebensstil, aber auch unsere Denkweise sind. Die rauhe Landschaft hat uns Bayern bis heute geprägt. In Niederbayern, wo viel Wald vorherrscht, sind die Leute eher in sich gekehrt und ruhig. In gebirgigen Oberbayern sind die Menschen eben eher explosiv und temperamentvoll.

Nebenbei: Das älteste schriftliche Zeugnis Bayerns – das Wort "Boios" (Zufall, obwohl niemand die Bedeutung dieses Wortes kennt?) – stammt aus dem 1. Jh. v. Chr. und wurde in der Keltensiedlung bei Manching gefunden. Niemand spricht von Manching, obwohl es grösser war als das mächtigere Rom.

Möglicherweise ist dies das Schicksal, das den Menschen im Voralpenraum bestimmt ist. Wir haben uns damit abgefunden, unbeachtet in der zweiten Reihe zu stehen. Wer weiss denn schon, dass die Wiener Kaffeehaustradition einem bayerischen Agenten in österreichischen Diensten zu verdanken ist? Wer weiss, dass die ersten Konstruktionspläne zum U-Boot von einem bayerischen Artillerieoffizier stammen? Oder dass die Jeans von einem Bayern namens Levi Strauss stammt? Dass der erste Motorflug der Welt nicht den Gebrüdern Wright, sondern Gustav Weißkopf gebührt? Dass Conrad Röntgen Physikprofessor in Würzburg war? Usw. usw.

Dennoch, wir wissen darum und sind zufrieden mit dem was wir geleistet haben. Wir sind uns eben selbst genug. Wir halten fest an liebgewordenen Traditionen und versuchen stur unsere Eigenständigkeit weitestgehend zu bewahren. Nachweisslich war in der braunen Zeit - obwohl München Hauptstadt der Bewegung war - Bayern ein unzuverlässiger und misstrauisch beäugter Vasall Berlins. In vielen Amtsstuben folgte oft einem zackigen deutschen Gruss ein stoisch-bayerisches "Grüss Gott" als Antwort. Es hat wohl seinen Grund, dass nach dem Krieg das Grundgesetz der BRD auf Insel Herrenchiemsee im "bayerischen Meer" verfasst wurde.

Wer sich nun etwas mehr für bayerische Geschichte interessiert, dem sei von Benno Hubensteiner, "Bayerische Geschichte" aus dem Ludwig Verlag ans Herz gelegt. Ich habe selten jemanden in einem Fachbuch derart plastisch über ein "trockenes" Thema schreiben sehen wie hier. Vielleicht liebe ich ihn auch so, weil er so schreibt, wie ich schreiben würde? Jedenfalls benutzt er die deutsche Sprache in einer derart filigranen Art und Weise, das die Figuren bayerischer Geschichte, wie z.B. Graf Montgelas, vor dem geistigen Auge des Lesers so erscheinen, als habe Hubensteiner sie alle persönlich gekannt. Ein wirklich empfehlenswertes Standardwerk!

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