Die Sendlinger Mordweihnacht


Vorwort

Wer sich ernsthaft mit Geschichte und/oder Politik befasst, wird irgendwann drei Dinge feststellen:

1. Jedes historische Ereignis hat eine Vorgeschichte, deren Wurzeln wiederum ganz woanders zu suchen sind und oft scheinbar nichts damit zu tun hat.

2. Politiker sollten sich vor einer Entscheidung mit der Kultur und der Geschichte eines Landes befassen, bevor sie eine Entscheidung fällen.

3. Die Geschichte wiederholt sich, wenn 2. nicht vernünftig beachtet wird.

Auch die Wurzeln der Sendlinger Mordweihnacht - oft auch Sendlinger Bauernschlacht genannt - sind nicht erst im Jahre 1701, mit dem Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges, oder dem Jahr 1704 und der Schlacht von Höchstädt zu suchen.

Das Abendland in Gefahr - Die Türken vor Wien

Beginnen wir mit einer Zeitreise; zurück in das Jahr 1683. Die Osmanen schicken sich gerade wieder einmal an, das christliche Abendland zu unterjochen. Grosswesir Kara Mustafa steht mit 200.000 Mann und 300 Geschützen vor den Toren Wiens und belagert die Stadt. Die Türken und ihre Hilfstruppen wüten in der Umgebung Wiens so verheerend und erbarmungslos, dass wohl der Ausspruch "Gewütet wie die Vandalen." eine eher verharmlosenden Umschreibung darstellt. In Perchtoldsdorf beispielsweise haben die Türken - trotz kampfloser Übergabe - bis auf wenige Personen die gesamte Bevölkerung niedergemezelt und den Rest als Sklaven verschleppt.

Die Lage in Wien seit dem 15. Juli: Eingeschlossen durch eine mehr als 12-fache Übermacht, wird mit jeder Stunde die knappe Verpflegung und Munition bedrohlich geringer. Dauerbombardement durch die gefürchtete türkische Artillerie, und das Bewusstsein beim Fall der Mauern erbarmungslos abgeschlachtet zu werden, zermürben die Verteidiger. Zwei grosse Minensprengungen haben bereits breite Breschen in die Verteidigungsanlagen geschlagen und Kara Mustafa lässt weitere Minen graben, um die Schanzen endlich durch seine gefürchteten Janitscharen stürmen zu können. Kurz: Graf Rüdiger von Starhemberg, der Verteidiger Wiens, kämpft mit nur 11.000 Soldaten und 5.000 freiwilligen Bürgern einen aussichtlosen und verzweifelten Kampf.

Der blaue Churfürst

Am 12. September beginnt der Gegenangriff der Allianz aus Polen, Sachsen, Bayern und Reichstruppen. Insgesamt 75.000 Mann; darunter 19.000 Bayern. Die Verteidigungslinien der Türken werden duchbrochen und Kara Mustafa flüchtet Hals über Kopf. Am Ende des Tages steht ein befreites Wien und ein gerettetes Abendland.

Hier, inmitten der tapfer kämpfenden Soldaten blicken wir ihm zum ersten Mal ins Antlitz: Max Emanuel - "Churfürst zu Baiern" (erst 1819 wird daraus Bayern). Er warf alles in Waagschale was er aufzubieten hatte um dem Osmanensturm Einhalt zu gebieten. War ihm doch klar, dass Wien das Tor nach Westeuropa ist und die nächsten Ziele die weniger gut befestigten Städte Passau, Regensburg und Salzburg sein würden. Ihm, den man später den Blauen Kurfürst nennen wird, sollte der eigentliche Dank des Abendlandes zuteil werden. Er ist der eigentliche Held der Türkenkriege, aber andere ernten den Ruhm: Jan Sobieski gilt als der Befreier Wiens und Prinz Eugen als der Edle Ritter von Belgrad.

Aber wo blieb der Dank des Kaisers und Reiches? Wo der Dank der anderen Fürsten Europas? Waren es nicht seine Truppen, die sich als erste mutig in die Schlacht warfen? Waren es nicht die blaugeröckten Soldaten, die die Türken das Fürchten lehrten und Kara Mustafa zur überhasteten Flucht zwangen? Waren es nicht seine tapferen Bayern, die den Entsatz Wiens einen Tag früher als geplant und damit in wirklich allerletzter Minute erkämpften? Zeugt nicht heute noch die Beute im Bayerischen Armeemuseum zu Ingolstadt davon, wessen Soldaten als erste die türkischen Feldlager im Sturm nahmen?

Enttäuschter Retter des Abendlandes

32 Millionen Gulden (kann man sich vorstellen, was das in Euro wäre?) und 30.000 Tote kostete ihn diese Unternehmung. Das Land war nahezu am Ende. Viele bayerische Veteranen aus den Feldzügen gegen die Türken kehrten als Krüppel heim und auch das musste das Land noch verkraften. Kein Ruhm, keine Ländereien, kein Geld, lediglich die Ernennung zum Generalissmus durch den Kaiser brachte es ihm ein.

Lassen wir unsere Zeitmaschine ins Jahr 1692 springen: Max Emanuel's Frau stirbt und er wird Generalstatthalter der spanischen Niederlande (heutiges Belgien). 1699 stirbt Max Emanuel's Sohn Joseph Ferdinand, der erst kurz zuvor vom kinderlos gebliebenen spanischen Königspaar zum Nachfolger auf dem spanischen Thron auserchoren wurde. Als Todesursache gilt eine Vergiftung und die Gerüchte über eine Verwickelung des Wiener Hofes darin, verstummten nie. Was also hat der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von Kurfürst Max erwartet, als er 1701 Anspruch auf den spanischen Thron erhebt? Aber eines nach dem Anderen!

Der wirkliche erste Weltkrieg der Menschheit entbrennt

1700 stirbt König Karl II, als letzter Habsburger auf dem spanischen Thron, ohne Erben. 1701 meldet Kaiser Leopold I seine Ansprüche an. Was nun folgt ist die Entladung eines schon seit 200 Jahren schwelenden Interessenkonfliktes zwischen Frankreich und Österreich. Er wird u.a. in Italien, Südamerika, Mexiko, Californien; von Indien bis in die Urwälder Kanadas und auf den Ozeanen ausgetragen werden. Der Spanische Erbfolgekrieg - es wird der erste echte Weltkrieg der Menschheit sein.

Noch im Jahr 1701 beginnt Prinz Eugen mit seinem Feldzug in Italien. 1702 ordnet Max Emanuel die längst fällige Reorganisation der Landfahnen in der Landesdefension an. Sie stützt sich vor allem auf die Heranziehung der wehrhaften Bevölkerung des Alpenraumes zu Grenzsicherungs- und Verteidigungsaufgaben. Max Emanuel schlägt sich auf die Seite Frankreichs und marschiert in Tirol ein. Im Jahre 1704 kommt es zwischen Franzosen und Bayern einerseits und Österreich andererseits zur Entscheidungsschlacht bei Höchstädt. Die Niederlage ist entsetzlich: auf französisch-bayerischer Seite starben 30.000 Mann.

Besatzung - Bayern unter fremdem Joch

Max Emanuel muss in die Niederlande fliehen und Bayern wird durch kaiserliche Truppen besetzt. Der Krieg in Europa verlagert sich danach zwar wieder nach Italien, aber Prinz Eugen befindet, dass Bayern die Last dieses Krieges zu tragen habe. Damals bedeutete dies: Zwangseinquartierungen der Besatzungstruppen; Verpflegung nahm sich die Soldateska nach Belieben und Übergriffe auf die Bevölkerung waren an der Tagesordnung. Das überstrenge Regime der kaiserlich-österreichischen Administration konnte tun und lassen was es wollte.

Die Bevölkerung leidet und unter der Decke beginnt es zu brodeln. Dann beginnt Wien 1705 die Zwangsrekrutierung von 12.000 jungen Burschen. Die Männer werden oft aus den Sonntagsgottesdiensten geschleift oder gar direkt von der Feldarbeit weggeholt. Das brutale Vorgehen lässt den Widerstand wachsen. Anfänglich werden "nur" die ersten gewaltsamen Befreiungen der Verschleppten vorgenommen, dann auch Transporte und kleine Soldatentrupps überfallen. Mehr und mehr beginnt sich der Widerstand zu organisieren.

Im Oktober und November kommt es dann vor allem im Unterland, der Oberpfalz und um Tölz zu den ersten regulären Aufständen und verschiedene Städte werden von der kaiserlichen Besatzung befreit. In Burghausen entsteht sogar das erste Parlament Europas - 84 Jahre vor der französischen Revolution! Ermutigt durch diese Erfolge verbreitet sich die Losung "Lieber bayerisch sterben als kaiserlich verderben!" wie ein Lauffeuer.

Das Oberland im Aufruhr

Am 19. Dezember 1705 ruft das "Tölzer Patent" die Bevölkerung des Oberlandes zum bewaffneten Aufstand gegen die Besatzung auf. Gemeinsam mit den Unterländern soll München an Weihnachten befreit werden. Zur Verbreitung dieser Schrift und zum Aufmarsch nutzen die Aufständischen die bewährte Organisation der Landesdefension. Bereits am 22. Dezember sammeln sich die ersten Mannschaften in Hohenschäftlarn. Am 23. beginnt dann der gemeinsame Marsch der Landfahnen - insgesamt 40.000 Mann - gen München.

Was da im Sternmarsch aus allen Richtungen Bayerns nach München marschiert, ist weder die vielzitierte Bauernarmee, noch sind sie sonderlich gut ausgerüstet. Vielmehr handelt es sich um Handwerker, Bürger und Beamte, aber auch Bauern, die Dreschflegel, Lanzen, Spiesse und Mistgabeln mit sich tragen, aber kaum Schusswaffen zur Verfügung haben. Dennoch folgen sie dem Aufruf und dennoch sind sie bereit für ein freies Bayern zu kämpfen und zu sterben.

Die Oberländer vor München

Am 24. Dezember treffen die aufständischen Oberlandler vor München ein. Sie schlagen ihr Hauptquartier beim "Grossen Wirt" in Sendling auf. Mit den Münchnern ist vereinbart, dass diese am 25. um 1 Uhr eine Rakete zünden, als Signal das Isartor zu öffnen, damit die Aufständischen in die Stadt gelangen können. Was man nicht weiss: Der Starnberger Pfleger Oettlinger hat den Plan verraten und der Stadtkommandant Oberst de Wendt hat Truppen angefordert; den Münchnern eine Ausgangssperre verpasst und die Wachen verstärken lassen; ein Öffnen ist somit unmöglich.

Als um 1 Uhr nichts passiert, beginnt man dennoch ein Scharmützel am Roten Turm, welcher dem Isartor vorgelagert ist und heute nicht mehr steht. Es gelingt den Aufständischen sogar, den Turm zu nehmen, aber am Isartor scheitern sie. Angeblich hat sich der legendäre Schmied von Kochel hierbei besonders hervorgetan. Gegen 2 Uhr müssen sie ihn gegen den Druck des Feindes wieder räumen. Trotz des Misserfolges schickt man um 6 Uhr früh einen Tambour vor die Tore der Stadt. Dieser verliest dort das Manifest der Aufständischen; wird aber festgenommen. Gegen 7 Uhr trifft die kaiserliche Verstärkung unter General Kriechbaum ein und dieser beginnt sofort mit dem Angriff.

Rückzug und Flucht

Um 8 Uhr müssen die Oberlandler fliehen: entlang der Stadtmauer (heutige Rumfordtstr. und Müllerstr.), Richtung Sendling. Es ist eine Hasenjagd; auf der einen Seite die Isar und auf der anderen Seite die Stadtmauer, von der aus die Aufständischen abgeschossen werden und im Rücken die ungarischen Husaren und Panduren des General Kriechbaum. Viele werden von der Reiterei einfach in die Isar abgedrängt und ertrinken im eiskalten Wasser. Eine Vielzahl von Votivtafeln zeugt davon.

Gegen 10 Uhr erreichen sie endlich Sendling. Während die kaiserlichen Truppen zwischen heutiger Bavaria und der Kirche Aufstellung nehmen, ist den Offizieren der Landfahnen die Aussichtslosigkeit bewusst. Sie lassen von der Trommel der Gotzinger Kompanie die "Chamade" erklingen. Den damaligen Gebräuchen des Krieges entsprach das etwa dem Parlamentär mit der weissen Fahne heute. Man beginnt also die Verhandlungen und der Tradition entsprechend nehmen die Offiziere die Schuld auf sich; Kriechbaum und de Wendt sichern den Abzug der Aufständischen zu, wenn die Offiziere ihre Waffen übergeben und sich bereit erklären, sich füsilieren (erschiessen) zu lassen.

Pflichtbewusst stimmen die Offiziere zu - sind sie doch keine Vorgesetzten im klassischen Sinne per Beförderung, sondern wurden von ihren Mannschaften oft frei dazu er-/gewählt. Sicherlich waren sie einem gebildeteren Personenkreis zuzuordnen; sie waren Beamte oder verdiente Veteranen, aber dennoch hat man ihnen das Vertrauen ausgesprochen.

Das Morden

Von Seiten der Österreicher heisst es nun "Pardon wird gewährt. Legt die Spiesse nieder!", "Bildet einen Kreis!". Dann beginnt das, was man wahrlich als Schlacht bezeichnen kann und was sich im Bewusstsein der Bevölkerung bis heute als die Sendlinger Mordweihnacht erhalten hat. Husaren preschen durch die Massen; Blut spritzt von den schweren Säbeln; Schädel werden unter lauten Krachen von den Pferdehufen zertrammpelt; danach folgt der Feuerbefehl.

Jetzt rufen die Kaiserlichen "Wer noch lebendig, der stehe auf!". Gar kein leichtes Unterfangen, auf dem mit Blut und Hirnmasse matschigen Boden. Ein erneuter Feuerbefehl. Dann ruft man "Rosenkränze raus und beten!". Viele glauben jetzt sei es vorbei, aber wieder erhallt der Feuerbefehl. Einige wenige Überlebende flüchteten sich auf den Friedhof der Kirche. Sie hatten die irrige Hoffnung, die Kaiserlichen würden zumindest am Weihnachtstag den heiligen Bezirk achten und dort nicht angreifen.

Doch auch hier kannte man keine Gnade - Kirche und Friedhof wurden entweiht. Der Aufstand war gescheitert und nach und nach gewann im Frühjahr 1706 die Besatzungsmacht wieder die Kontrolle über die befreiten Gebiete. Wieviele an diesem Tag ihr Leben liessen, weiss man bis heute nicht genau. Aus vielen Pfarrbüchern wurden die entsprechenden Seiten herausgerissen, um die Verwandten der Aufständischen vor Verfolgung und Repressalien zu schützen.

Kaum einem Aufständischen gelang die Flucht. Insgesamt hatten sich etwa 100.000 Mann am Aufstand beteiligt und innerhalb von nur 3 Wochen verloren 10.000 Menschen auf bayerischer Seite dabei ihr Leben. Bei einer Gesamtpopulation von ca. 1. Mio Einwohnern ein enormer Schlag. Zwar endeten die Zwangsaushebungen mit sofortiger Wirkung, aber Pardon wurde keinem der Anführer gewährt, derer man habhaft werden konnte.

Nachwort

Wie jeder Krieg endete 1714 auch der spanische Erbfolgekrieg. 1715 konnte Max Emanuel wieder nach Bayern zurückkehren. Die Kirche zu Sendling wurde wegen der Entweihung abgerissen und an ihrer Stelle eine neue (alte!) Kirche erbaut.

Was blieb? Viele bayerische Gebirgsschützenkompanien pflegen bis heute die Erinnerung an diesen Tag - die Sendlinger Mordweihnacht. Die Gotzinger Trommel? Sie wird als eine Art bayerischer Reliquie immer noch verwahrt. Der Schmied von Kochel? Man weiss nicht mit Bestimmtheit, ob es ihn je gab. Egal, letztendlich gilt uns der Schmied Balthes (wie man ihn auch nennt) als aufrechter, braver Mann aus dem Volke, der sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung wehrte und er steht somit noch heute für die Wertevorstellung bayerischer Lebensart.

In Münchern erinnern noch heute viele Strassennamen rund um die neue (!) Sendlinger Kirche "St. Kobinian" am Gotzinger Platz an die Erhebung von 1705: Wackersberger Str., Thalkirchner Str., Valleystr., Gotzinger Str., Oberländerstr., Kochelseestr. und viele Andere. Ironischerweise will man gerade dort - genau gegenüber der neuen Kirche - eine (türkische) Moschee erbauen. Ich frage mich da durchaus, ob die Herren im Rathaus geschichtsbewusst genug sind ,um zu wissen, was sie da unterstützen. Ich persönlich empfinde es als geschmacks- und respektlos.


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